Er war so aufmerksam, bis er es nicht mehr war.
Meine Erfahrung mit Love Bombing: Woran ich es am Anfang hätte erkennen können.
Es fing mit einer Wette an.
Alles begann mit einer Wette. Bei einer Geburtstagsfeier kamen eine Freundin und ich auf die Frage, wer von uns wohl zuerst ein Date haben würde. Damit es fair blieb, suchten wir zwei verschiedene Online-Dating-Plattformen aus und meldeten uns jeweils auf einer an. Das war vor 20 Jahren. Online-Dating war damals eine ganz neue Sache und niemand wusste so genau, worauf man sich da einließ. Für Frauen war die Anmeldung auf manchen Plattformen damals sogar gratis, auch auf meiner. So habe ich mich halb aus Spaß angemeldet, ohne die geringste Ahnung, was daraus werden würde. Ende Juli schrieb er mich an, und seine Texte waren so schön, wie ich sie noch nie gelesen hatte. Wir schrieben uns über Wochen Mails hin und her und ich bemerkte gar nicht, dass aus dem Spiel längst etwas anderes geworden war. Heute weiß ich, dass genau hier der Anfang lag.
Die Rosen, die Worte und die Nächte am Telefon
Mitte August fuhr er für ein paar Tage weg und schickte mir seine Telefonnummer, damit wir in Kontakt bleiben konnten. Ich habe ihn nicht angerufen. Nach seiner Rückkehr überreichte er mir zu meinem Geburtstag hundert virtuelle Rosen. Virtuelle Rosen haben keine Dornen, was ich damals für einen Vorteil hielt. Damit schaffte er, was ihm bisher nicht gelungen war: Ich gab ihm meine Telefonnummer.
Aus ein paar Textnachrichten wurden schnell Telefonate und ab Ende August sprachen wir jede Nacht drei bis sieben Stunden über Gott und die Welt. Noch bevor wir uns gesehen hatten, erzählte er mir, dass er sich in mich verliebt habe und mich schon liebe. Ich bat ihn, so etwas nicht zu sagen, aber er ließ nicht locker.
Der Abend mit dem Blumenstrauß.
Er wollte sich unbedingt mit mir treffen, doch ich wehrte mich, aus welchen Gründen auch immer. Eines Abends war er beim Telefonieren so schlecht gelaunt, weil ich wieder eine Ausrede hatte, dass ich ihm schließlich meine Adresse sagte. Kurz darauf stand er mit einem Blumenstrauß vor meiner Tür und mein Herz machte einen Luftsprung. Er war gepflegt, er roch gut – ich habe nämlich eine feine Nase – und seine Kleidung passte in jedem Detail zusammen. Für mich war dieser Anblick einfach ein Traum. Ich war schockverliebt und ab diesem Abend kam er jeden Abend.
Das war Mitte September. Der Anfang war wie ein Märchen, und ich war die Prinzessin mittendrin.
Warum habe ich mein Bauchgefühl überhört?
Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ich habe das Schreiben und die langen Telefonate genossen, aber ein persönliches Treffen kam für mich nicht infrage. Heute weiß ich, warum: Mein Bauchgefühl wusste schon damals mehr, als ich wusste.
Am Ende hat er es weggeschoben und ich habe es geschehen lassen. In den Telefonaten und Nachrichten fand er heraus, was mir wichtig war und wonach ich mich sehnte, und genau das reichte er mir dann wie auf einem silbernen Tablett. Aus heutiger Sicht hat damals die Manipulation begonnen. Es fühlte sich an, als wäre es das Beste, was mir passieren konnte. Es war zu schön, um wahr zu sein, und trotzdem habe ich zugegriffen, obwohl ich gespürt habe, dass etwas nicht stimmt.
Vielleicht kennst du das: Ein Teil von dir merkt längst, dass etwas nicht stimmt, während der andere Teil endlich ankommen möchte. Beides gleichzeitig zu spüren, ist zutiefst menschlich – und genau dort setzt Love Bombing an. Wer dir deine Wünsche so präzise erfüllt, hat vorher sehr genau zugehört – allerdings nicht aus Liebe, sondern um dich zu manipulieren.
Der Schlüssel, der Fernseher und der Ring
Zu seinem Geburtstag im Oktober gab ich ihm einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Eigentlich hätte ich es nicht getan, aber er sagte immer wieder, dass er ja nicht hineinkomme und warten müsse, bis ich zu Hause bin. Wie schon bei meiner Adresse wurde sein Wunsch am Ende zu meiner Entscheidung.
Nachdem er den Schlüssel hatte, lief in meiner Wohnung ständig der Fernseher. Am Anfang haben wir uns noch gemeinsam Sendungen angeschaut, aber bald kam er nur noch vorbei, wenn er selbst etwas sehen wollte. Wenn ich etwas anschauen wollte, hieß es: „Das interessiert mich nicht. So einen Schwachsinn schaue ich mir nicht an.“ Oder: „Nerv mich nicht, ich will fernsehen.“ Wenn ich mich an ihn kuscheln wollte, bekam ich zu hören: „Lass das bitte, ich will meine Ruhe haben.“ Jede einzelne dieser Bemerkungen war für sich genommen klein genug, um sie zu entschuldigen, und ich redete mir ein, er habe eben einen schlechten Tag.
Und dann gab es diese anderen Momente. Im Herbst sahen wir ein altes Ehepaar auf einer Parkbank sitzen und er sagte, dass er einmal genauso mit mir dort sitzen wolle. Er nannte mich seinen Sonnenschein und seine Traumfrau. Er sagte, er wolle mit mir alt werden und schlug eine Verlobung vor. Am 6. Dezember kauften wir die Ringe. Seit den ersten Mails waren nicht einmal fünf Monate vergangen, seit unserem ersten Treffen knapp drei.
Kühl im Alltag und groß in den Worten über die Zukunft – beides passierte in denselben Wochen.
Love Bombing oder verliebt? Woran ich den Unterschied heute erkenne.
Beim Love Bombing wird jemand am Anfang einer Beziehung mit Aufmerksamkeit, Komplimenten und Zukunftsversprechen überschüttet, um schnell eine starke Bindung zu erzeugen. Wenn ich heute zurückschaue, erkenne ich drei Dinge, die ich damals nicht als Warnsignale wahrgenommen habe.
Das Tempo stimmte nicht. Er sagte mir, dass er mich liebt, obwohl wir uns noch nicht einmal gesehen hatten. Nach knapp drei Monaten kauften wir Ringe. Wenn jemand schon in der Kennenlernphase von einer gemeinsamen Zukunft spricht, fehlt dafür eigentlich noch die Grundlage, denn es gibt ja noch gar nichts, was diese Zukunft tragen könnte.
Ein Nein wurde nicht akzeptiert. Ich bat ihn, mir solche Worte nicht zu sagen, doch er ließ nicht locker. Ich wollte mich nicht mit ihm treffen und er wurde grantig, bis ich nachgab. Wer dich wirklich kennenlernen will, respektiert deinen Rhythmus – auch dann, wenn du selbst nicht genau weißt, warum du zögerst.
Nähe und Kälte wechselten sich ab. Im Alltag war er kühl, in seinen Worten über die Zukunft aber großartig. Dieses Auf und Ab hält dich in Bewegung, weil du ständig auf den nächsten schönen Moment wartest und jede Kälte damit entschuldigst.
Echte Verliebtheit respektiert hingegen dein Tempo und deine Grenzen, und ihre Zuneigung bleibt auch im Alltag gleich.
Ein einzelnes dieser Zeichen beweist noch nichts. Es kommt darauf an, wie früh sie auftreten, wie oft und wie stark sie sind. Wenn du dabei – so wie ich damals – ein leises Gefühl hast, dass etwas nicht passt, dann nimm es ernst, auch wenn alles andere gerade wunderschön aussieht.
Ein Gefühl, das ich gern wiederhätte
Wenn ich das heute schreibe, würde ich dieses Gefühl von damals gern noch einmal erleben, nur eben in echt. Es war so schön, dass ich es bis heute nicht schlechtreden kann. Meine Gefühle waren echt, auch wenn das, was mir gezeigt wurde, auf etwas anderem basierte.
Die Wette habe ich gewonnen. Anfangs war ich meiner Freundin sogar dankbar, dass sie mich dazu angestiftet hatte, denn es sah ganz danach aus, als hätte ich den Traummann gefunden. Der Preis war nur ein anderer als gedacht.
Online-Dating sehe ich seither mit Skepsis, auch nach all den Jahren. Ich weiß, dass es dort nicht nur Schlechtes gibt und dass ich diese Skepsis ablegen darf, wenn ich das möchte. Ein kleiner Tropfen Bitterkeit bleibt trotzdem, und ich muss ihn nicht weg reden. Er erinnert mich daran, dass mein Bauchgefühl damals bereits alles wusste.
Wie es weiterging und wie ich wieder zu mir zurückgefunden habe, erzähle ich in einem der nächsten Beiträge.
Wenn du beim Lesen an der einen oder anderen Stelle genickt hast, lohnt es sich, einen ehrlichen Blick auf dich selbst zu werfen. Mein Beziehungs- und Selbstwert-Check zeigt dir in wenigen Minuten, in welcher Phase du geradestehst.
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Wenn du dich in deiner Beziehung bedroht oder unsicher fühlst, wende dich an die Frauen helpLine gegen Gewalt. Die Frauen helpLine gegen Gewalt ist in Österreich rund um die Uhr kostenlos und anonym unter der Nummer 0800 222 555 erreichbar. Bei akuter Gefahr wähle den Polizeinotruf 133.