Nein ist ein ganzer Satz.

Grenzen setzen

Ich übe noch.

Im letzten Beitrag habe ich versprochen zu erzählen, wie ich Grenzen ziehe, ohne mich dafür zu rechtfertigen.
Beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass ich hier ehrlich sein darf:
Ich übe noch. Und vermutlich werde ich das ein Leben lang immer wieder einmal tun.Fast schon so lange, wie ich denken kann, rechtfertige ich mich für ein Nein.
Ich sage es, und noch bevor mein Gegenüber überhaupt reagieren kann, schiebe ich eine Erklärung hinterher, warum es gerade nicht geht. Das passiert so automatisch, dass ich es oft erst merke, wenn der Satz schon draußen ist. Wann und wo ich das gelernt habe, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwann hat sich in mir wohl festgesetzt, dass ein Nein allein nicht reicht.

Seien wir uns ehrlich:
Natürlich gibt es Menschen, die Nein sagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich gehöre nicht dazu.
Das heißt aber nicht, dass ich keine Grenzen setzen kann.
Das Nein selbst ist gar nicht das Schwierigste, die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Nein zu sagen und dann still zu sein, den Punkt hinter dem Satz einfach stehen zu lassen. Wenn mir doch wieder eine Rechtfertigung herausrutscht, frage ich mich hinterher oft, warum ich das eigentlich gemacht habe. Was wollte ich damit erreichen, und wovor wollte ich mich schützen?

Vielleicht kennst du das auch.
Dann lass uns gemeinsam hinschauen, warum uns dieses kleine Wort so schwerfällt, was hinter dem Drang zur Rechtfertigung steckt und wie Nein sagen ohne schlechtes Gewissen Schritt für Schritt leichter werden kann.


Rechtfertigung aus Höflichkeit

Eine Rechtfertigung fühlt sich im ersten Moment wie Höflichkeit an.
Wir wollen nicht unhöflich wirken, nicht egoistisch und nicht kalt. Wir möchten, dass unser Gegenüber versteht, dass wir es nicht böse meinen, und dass die Beziehung keinen Kratzer abbekommt. Dahinter steckt oft der Wunsch nach Harmonie, manchmal auch die leise Angst, jemanden zu enttäuschen oder abgelehnt zu werden.

Viele von uns haben außerdem früh gelernt, dass ein Nein ohne Begründung nicht gilt.
Wer als Kind Nein gesagt hat, hörte vielleicht ein „Warum nicht?“ oder „Stell dich nicht so an“.
Und kaum jemand ist davon verschont geblieben, dass ihm so lange zugeredet wurde, bis aus dem Nein ein Ja oder zumindest ein Vielleicht geworden ist, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder im Job, wenn die Kollegin noch schnell etwas übergeben möchte. Da lernt man, gleich alle Gründe mitzuliefern, in der Hoffnung, dass das Nein diesmal stehen bleibt.

Genau hier liegt der Haken, denn jede Rechtfertigung öffnet eine Tür.
Wer Gründe liefert, lädt sein Gegenüber ein, diese Gründe zu prüfen, zu widerlegen oder gleich eine Lösung anzubieten. Aus „Ich habe am Samstag keine Zeit“ wird schnell „Dann komm halt am Sonntag“.
Ein Nein mit drei Erklärungen wirkt nicht stärker, sondern verhandelbarer.

Das heißt nicht, dass eine Erklärung immer fehl am Platz ist. Manchmal möchten wir einem Menschen, der uns nahesteht, unsere Gründe erzählen, und das ist völlig in Ordnung. Der Unterschied liegt darin, ob ich etwas erkläre, weil ich es möchte, oder weil ich glaube, dass mir das Nein sonst nicht zusteht.


Was mir hilft, beim Nein zu bleiben

Ein Patentrezept habe ich nicht, denn wie ich reagiere, hängt sehr von der Situation und meiner Tagesverfassung ab, und ich denke, das kennt jeder. Wenn mich jemand um etwas bittet, spiele ich im Kopf blitzschnell das Szenario durch und wiege für mich ab, ob es passt oder nicht. Genau dieses schnelle Abwägen ist aber auch meine Stolperfalle, denn allzu oft rutsche ich dabei von einem Nein in ein Ja, bevor ich überhaupt richtig darüber nachgedacht habe.

Deshalb helfen mir Sätze, die mir einen kleinen Moment verschaffen.
Ein offenes „Puh, jetzt bin ich sprachlos, darüber denke ich kurz nach“ nimmt den Druck aus der Situation. Du darfst ruhig offen sagen, dass du Zeit zum Nachdenken brauchst, und dir diese Zeit dann auch nehmen, statt dich zu einer schnellen Antwort drängen zu lassen.

Wenn das Nein dann feststeht, erinnere ich mich an einen einfachen Gedanken:
Ein Nein braucht keinen Beipacktext. Es darf freundlich sein, ein kurzes „Danke, dass du an mich gedacht hast“ hat durchaus Platz, und danach kommt das Nein, ohne Wenn und Aber. Je kürzer es ist, desto weniger Angriffsfläche bietet es. Und manchmal ist ein schlichtes „Nein, danke“ schon alles, was es braucht.

Herausfordernd wird es, wenn das Gegenüber nachhakt. Dann sage ich zum Beispiel: „Es ist sicher super für dich, für mich ist es jedoch nicht stimmig.“ Damit erkenne ich an, dass der andere etwas Gutes darin sieht, ohne meine Entscheidung zur Verhandlung zu stellen. Und wenn ich mir noch nicht sicher bin, sage ich auch einmal: „Ich überlege es mir und melde mich.“ Dann liegt die Entscheidung wieder bei mir und nicht beim Druck des Augenblicks.


Ein schlechtes Gewissen ist kein Urteil

Wie sich ein Nein anfühlt, ist ganz unterschiedlich. Manchmal meldet sich ein schlechtes Gewissen schon, während ich es ausspreche, manchmal erst etwas später, und manchmal meldet sich gar nichts. Spannend finde ich, dass es auch dann auftauchen kann, wenn ich genau weiß, dass mein Nein richtig ist. Das zeigt mir, dass ein schlechtes Gewissen kein verlässlicher Hinweis darauf ist, ob ich etwas falsch gemacht habe. Oft zeigt es nur an, dass ich gerade eine alte Gewohnheit durchbreche.

Wenn es sich meldet, halte ich mir bewusst vor Augen, dass dieses Nein gut für mich ist und möglicherweise auch für jemand anderen. Denn ein Ja, das ich nur aus schlechtem Gewissen gebe, hilft am Ende niemandem wirklich.

Und ganz ehrlich:
Dürfen wir nicht an uns denken und das Beste für uns tun?
Nicht um jeden Preis, aber eben auch für uns. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern damit, dass wir uns selbst genauso ernst nehmen wie die Menschen um uns herum.


Und wenn ich doch Ja sage?

Nicht jedes Ja ist ein Rückfall. Manchmal sage ich Ja, obwohl ich weiß, dass ich damit über meine Grenze gehe. Früher hätte ich mir das hinterher vorgeworfen. Heute weiß ich, dass ich eine Grenze an einer Stelle überschreiten und an einer anderen trotzdem halten kann.

Vor einiger Zeit hatte ich jemandem versprochen, Unterlagen vorbeizubringen, obwohl es zeitlich überhaupt nicht gepasst hat. Ich habe es trotzdem gemacht und war entsprechend gestresst. Kaum war ich dort, ging das Jammern los, wie schwer doch alles sei. Ich hätte mir das alles anhören, mitleiden und mit nach Hause nehmen können. Stattdessen habe ich ruhig und immer wieder gesagt: „Du hast dein Leben selbst in der Hand. Vom Jammern ändert sich nichts.“

Zeitlich bin ich an diesem Tag über meine Grenze gegangen, innerlich aber nicht. Ich habe gehalten, was ich versprochen hatte, aber das Jammern war nicht meine Aufgabe.
Dabei helfen mir zwei Fragen:
Wie viel davon habe ich überhaupt in der Hand?
Und wie weit betrifft es mich wirklich?

Und wenn das schlechte Gewissen trotzdem anklopft, erinnere ich mich daran, dass es um meine Lebenszeit geht. Die kann mir niemand zurückgeben, und ich darf gut überlegen, wofür ich sie hergebe.

Ein Gedanke für dein nächstes Ja

Nein sagen lernt man nicht von heute auf morgen. Ich übe noch, und vielleicht übst du ab heute ein bisschen mit.
Wenn dich das nächste Mal jemand um etwas bittet, halte kurz inne, bevor du antwortest. Atme einmal durch und frag dich: Will ich das wirklich, oder sage ich gerade nur Ja, weil sich ein Nein unbequem anfühlt?

Vielleicht wird es trotzdem ein Ja, und das ist in Ordnung. Dann ist es aber deine Entscheidung und nicht die des Augenblicks.

Und wenn es ein Nein wird, darf es kurz sein. Nein ist ein ganzer Satz.

Wenn du mehr solche Gedanken lesen möchtest, melde dich gerne für meinen Newsletter „Zwischen den Zeilen“ an.

Hier kannst du dich zum Newsletter anmelden:

Warum man in einer toxischen Beziehung irgendwann an der eigenen Wahrnehmung zweifelt,
erzähle ich im nächsten Beitrag.

Weiter
Weiter

Getrennt, aber nie allein